Journalistischer Boykott ist der falsche Weg

Sollte eine Reisejournalistenvereinigung seine Jahrestagung in einer Stadt abhalten, die eine Hochburg der Pegida-Bewegung ist und regelmäßig durch rechtspopulistische Umtriebe in die Schlagzeilen gerät? Wir müssen ein Zeichen setzen und die Stadt boykottieren, sagt sinngemäß eine Pressemitteilung der Vereinigung deutscher Reisejournalisten (VDRJ).

Dresden unterlag in der Abstimmung über den Tagungsort fürs nächste Jahr ganz knapp. Eine Boykott-Entscheidung war das inhaltlich ohnehin nicht.

Dresden unterlag in der Abstimmung über den Tagungsort fürs nächste Jahr ganz knapp. Eine Boykott-Entscheidung war das inhaltlich ohnehin nicht.

Ich gehöre der VDRJ als Mitglied des erweiterten Vorstandes an, schreibe hier aber ausdrücklich nicht in dieser Funktion. Denn ich bin überzeugt: Boykott ist der falsche Weg. Verweigerung und der Bau von Mauern hat noch selten Konflikte gelöst.

Wir müssen Brücken bauen, Differenzierungen herausarbeiten, Hintergründe beleuchten – das sehe ich als Aufgabe von Journalisten, besonders von Reisejournalisten. Denn nichts trägt so sehr zur Vermittlung und Verständigung zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen bei wie Reisen.

Es ist unstrittig, dass die große Mehrheit der Dresdner die unsäglichen, rechtspopulistischen bis braunen Aufmärsche in ihrer Stadt genauso verabscheut wie wir. Sollten wir da nicht genau hinsehen?

Als Journalist sehe ich meine Aufgabe darin, so objektiv und sachlich wie möglich Fakten zusammenzutragen, einzuordnen und in Zusammenhänge zu bringen. Das Ziel: meine Leser ideologiefrei  mit den Informationen zu versorgen, die sie benötigen, um sich ihre eigene Meinung zu bilden.

Für Journalisten darf nicht gelten: Was nicht in meine Vorstellungen passt, wird ignoriert und wenn es nicht zu ignorieren ist, doch zumindest boykottiert. Das ist keine Lösung, das befeuert vielmehr noch das „Lügenpresse“-Geschrei.

Es ist zu einfach, schwarz-weiß zu malen und zu fordern, „Dresden“ möge erst einmal aufräumen, bevor wir darüber nachdenken, dort unsere Jahrestagung abzuhalten. Schwarz-Weiß-Malerei werfen wir einerseits den Pegida-Aktivisten und anderen Rechtspopulisten vor, andererseits würden wir mit einem Boykott genau das gleiche machen.

Über die rechten Schreihälse wird viel (zu viel) berichtet – über die große Mehrheit der Übrigen leider nicht. Das zu ändern, bringt viel mehr, als „Zeichen“ zu setzen und mit Boykott die Schwarz-Weiß-Malerei zu manifestieren, die nur Gräben vertieft, statt ein dringendes Problem in unserer Gesellschaft ernsthaft anzugehen.

Touristen können machen, was sie wollen, denn sie agieren nur für sich selbst. Aber als Journalisten haben wir eine gesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung, die nicht darin besteht, Politik zu machen. Journalisten stehen meiner Überzeugung nach für möglichst objektiv recherchierte Fakten, für Aufklärung, Differenzierung und Einordnung komplizierter Zusammenhänge, damit andere die richtigen politischen Entscheidungen treffen können, die richtigen Leute wählen können. Um das zu erreichen, muss ich aber vor Ort sein, hinschauen und berichten.

Das ist meine ganz persönliche Meinung und Überzeugung.

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